Im Osten mal was neues

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Dürüm unter der Steppjacke warmhalten beim auf den Bus warten, weil nämlich der einzige Lieferservice in diesem Kaff zwei Stunden für eine Pizza braucht, und dann zuhause bemerken, dass das Abendessen unter der Jacke doch kalt geworden ist. Tatort schauen und dabei billigen Riesling trinken, sich alt vorkommen. Nüchtern so albern lachen und tratschen, dass man sich fragt ob nicht doch irgendwo Alk drin war. Rage Cage spielen, sich auf schlechte Parties selbst einladen, zu viel Luft trinken. In Vorlesungen friedlich einschlafen. Ganz ganz laut im Oktober auf dem Heimweg von der Chorprobe für das Weihnachtssingen All I Want For Christmas singen und Last Christmas. Glühwein mit Prosecco und Apfelsaft strecken, weil nicht mehr genug da ist. Roten Lippenstift tragen, einfach, weil man's kann. Nicht mehr das Bedürfnis zu haben, jeden Abend anzurufen und nicht mehr Briefe schreiben, weil man viel zu beschäftigt ist, beschäftigt damit, mal mit echtem Leben anzufangen. "Mach es, mach das wirklich!" "Ich will doch nicht die Bitch des Semesters werden... " - "Und wenn schon, dann feier ich dich dafür!" Mit den Mädchen aus der Flüchtlingsunterkunft im ersten Stock frühstücken. Und manchmal auf dem Heimweg beim Schwärmen über schöne Wolken und dem Lästern über das teure Mensa-Essen denken: Vielleicht wird alles gut. Vielleicht ja doch.


Ahoi sagt man im Osten nicht, Moin leider auch nicht, also probieren wir es mal mit

Mahlzeit, 

Am Freitag war der Himmel seit ganz genau eineinhalb Wochen wieder blau. Vielleicht war er auch schon vorher mal wieder blau, seit dem Moment in dem ich mich in der Klinik geärgert habe, den Bus genommen zu haben, weil aus dem Nebelmeer doch ein goldener Herbsttag geworden war. Aber das habe ich nicht mitbekommen, ich war bestimmt in irgendeinem Seminar oder sauerstoffarmen Mini-Raum, der sich meinem Semester gegenüber verhält wie ein zu kleines Hemd über einem Bierbauch.
Ja, Klinik, ja, Seminar und ja ja ja mein Semester. Es ist ein kleiner winziger Satz, dieses: "Ich habe meinen Platz gefunden," der doch eigentlich so viel Wirkung und Gewicht hat. Vor sechs Wochen hab ich mein Traumstudium begonnen, ich hab seit vier Wochen ein Semesterticket und einen Bibliotheksausweis und ein Namensschild auf dem mein Name steht und darunter in der Schriftart Arial in Schriftgröße 20 das Wort Psychologiestudentin. Dass einen eine Reihe von Banalitäten so glücklich machen kann, hätt ich auch bis vor kurzem nicht gedacht. Aber jetzt bin ich hier, und mein Bauch sagt mir: Das fühlt sich wirklich gut an. 


Kleines Update also dazu, ob die Idee, einen Weg zu wählen, der aus meinem Bauch und meinem Herzen kommt, eine gute war. Ja ja ja ja ja ja ja ja und nochmal ja. Als ich das geschrieben habe, war ich inspiriert und super begeistert. Wer ein bisschen wie ich gestrickt ist, kennt aber mit Sicherheit das Gefühl, den Idealismus im Angesicht der brutalen Realität manchmal ganz fix schrumpfen zu sehen. Klar, es ist wichtig Ideale und Ziele zu haben. Und die Überzeugung in einem kurzen Moment tatsächlich zu spüren, ist ein Schritt, ein wichtiger, auf einem langen Weg. 
Aber es tat auch verdammt gut, endlich einen Schritt weiter zu gehen und diese Überzeugung tatsächlich umzusetzen. Ergebnisse in den Händen zu halten. Gerade im Hinblick auf meine langfristigen Ziele, diese großen Projekte, tat das gut. 


Ich glaube, heute geht es mir eigentlich um mehrere Dinge. Ich hoffe, ich kann die alle etwas entwirren und in Worte wachsen lassen. 
Ich denke viel daran, dass wir jungen Erwachsenen nur wenig von uns und der Welt, die unser Zuhause werden soll, verstehen. Wir streben nach vielem, was uns eigentlich von uns distanziert, wir rufen unsere Freunde an und fragen: Wenn ich das jetzt sage, bin ich egoistisch? Wenn ich diesen Schritt gehe, was werden die anderen sagen? Was, wenn? Was, wenn nicht? Wir denken irgendwie zu viel. Wie so häufig. Mir ist mehrmals in letzter Zeit klar geworden, dass das hier unser eigenes Leben ist. Jetzt sind wir ja tatsächlich frei, jetzt können wir wirklich in die Welt gehen. Wir sollten nicht so viel darüber nachdenken, was andere denken und uns mit dem Erfolg anderer vergleichen. Immerhin ist das die beste Zeit unseres Lebens. Jetzt sollten wir die Stories schreiben, über die wir später nostalgisch bei den Reunions schwärmen wollten. Über die wir vielleicht die Köpfe schütteln möchten, aber schmunzelnd, über die Schönheit der Jugend. 
Möchtest du wirklich in dreißig Jahren zurückschauen und dir denken: Hach, mit zwanzig war ich so schön vernünftig und hatte schon einen Bausparvertrag abgeschlossen und die besten Versicherungen gehabt und weil ich einen Job hatte, der mich zu Kreuze kriechen ließ, vor allem, was ich eigentlich hätte besiegen können, so viel Geld gehabt, dass ich immer winzige Portionen von Haute Cuisine essen konnte? Oh je, ich möchte das nicht. Wenn wir schon die Freiheit haben, uns nicht über die grundlegensten Bedürfnisse Sorgen machen zu müssen, wäre es nicht noch viel abgehobener und dekadenter, diese Freiheit nicht auszuleben?


Atme mal tief ein und aus. Das sind deine eigenen Lungen, man! Und du darfst entscheiden, was sie füllt, abgestandene Zimmerluft oder lieber Bibliotheks- und Bücherduft, Meerbrise und Bergwind. Schließ deine Augen und öffne sie wieder. Sieh dich um, frag dich, ob du hier weg musst - oder eigentlich echt an nem guten Ort gelandet bist. Frag dich, was du gerne auf deiner Retina reflektiert haben willst, welche Farben und Formen sollen deinen visuellen Cortex blinken lassen, auf welche Gesichter soll deine Amygdala mit "Wow, man, das sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben" reagieren. Das hast du alles in der Hand. 
Jeder, wirklich jeder, hat sein Päckchen. Das nicht zu vergleichen ist mit irgendeinem anderen Päckchen auf der Welt. Manche Schleifen haben dasselbe Muster, manches Geschenkpapier ist vom selben Händler - aber der Inhalt ist immer unterschiedlich. Für manche wiegen Tausend Kilo Wasser in dem Paket weniger als tausend kilo Federn, für den anderen nicht, das ist ganz subjektiv und kann nicht so einfach erklärt werden. 


Aber egal wie groß und schwer das Paket ist, das du mitnimmst, in dein eigenes, gutes Leben: Du kannst alles. Du schaffst es. Es gibt Wunder, auch du kannst eines sein. 

Du kannst dir dein Traumstudium holen, du kannst eine klasse WG finden, du kannst Nudeln essen, weil du es wert bist, weil Kohlenhydrate einfach cool sind, du darfst in Unterwäsche durch dein Zimmer turnen und zu Smells like teenspirit singen/kreischen, auch ohne verhängte Spiegel, du darfst in manchen Momenten einfach losheulen, weil du nicht mehr kannst, oder du das zumindest denkst und dich erst wieder vom Gegenteil überzeugen musst, du darfst Nächte durchfeiern, komische Sachen sagen, wenn du betrunken bist, du darfst auch lügen, du darfst flunkern, du kannst lachen, bis dir die Tränen kommen, du kannst innehalten, du kannst bei Achtsamkeitsübungen loslassen, du kannst sagen "Nein, das will ich nicht", du kannst sagen "Ich will das, von ganzem Herzen", du kannst Frauen lieben, Männer lieben, du kannst alles lieben, du musst, musst, musst, musst, musst lernen, dich zu lieben, du wirst das lernen, du musst dich in keine Schublade stecken, du kannst auf Demos gehen, du kannst für deine Ideale einstehen, du kannst deine Träume erfüllen, ja, du kannst das, du kannst wieder anfangen, zu vertrauen, du kannst wieder gesunde Beziehungen führen, du kannst alles zurücklassen, nur nicht dich, und das ist gut, du kannst gut zu dir sein, du kannst was rauchen, du kannst es lassen, du kannst rennen, liegen, schlafen, turnen, hüpfen, rülpsen, gähnen, dich winden, du kannst herumdrucksen, du kannst ganz breit und irre lächeln, weil du merkst, wie der Schorf von alten Wunden abfällt und du um ein Mikrogramm leichter sein wirst, du kannst Yoga machen, einen Marathon laufen, oder fahren, du kannst neue Rituale schaffen und wieder verwerfen, du kannst ein Bullet Journal führen, du kannst singen, du kannst schreiben, du kannst Brot backen und dich tätowieren lassen und auf Konzerte gehen, du kannst an einem Abend in Berlin so viele Tinderdates haben, wie du willst, du kannst dir Frühstück ans Bett holen, du kannst auch einfach mal ein Treffen absagen, du kannst neue Leute kennenlernen, du kannst die weltbeste Mitbewohnerin oder den weltbesten Mitbewohner finden, du kannst ehrlich sein, du kannst dich anlehnen und verzeihen, vergeben, und du kannst manches auch vergessen, du kannst die Wahrheit sagen und du kannst Komplimente machen und annehmen, du kannst malen, du kannst fotografieren, du kannst dir die Haare abrasieren, du kannst mit Bauchtanz anfangen, du kannst krasse Unterwäsche kaufen, du kannst sie nur für dich tragen, du kannst Sex haben, du kannst es lassen, du kannst unter Straßenlaternen die komplette Choreo von Singing in the Rain geben und jeden deiner Vorgänger um Längen schlagen, weil du du bist, du kannst fröhlich sein, du kannst dankbar sein, du kannst Hoffnung haben, du kannst abhauen und niemals zurücksehen, du kannst es loslassen, du kannst es, du kannst das. Du kannst das alles. Du musst nicht alles. Aber du kannst es. Und lass dir bloß von niemandem je etwas anderes auch nur empfehlen lassen. Niemals. 
Du bist du und das ist deine Stärke. 
Ich will, dass du weißt: Du bist die letzten Jahre harte Arbeit wert. Und alle die noch kommen. Du darfst beim nächsten Ganzkörperspiegel stehen bleiben und dich mal von oben bis unten anschauen und dir darüber klar werden, dass du deinen Respekt wert bist, dass du so noch vor dem Spiegel stehst, egal wie schön oder furchtbar es war. Du bist liebenswert, du bist schön, du bist wichtig, du bist gut so wie du bist. Du bist noch hier und du kannst alles. 


Solange wir hier sind, sollten wir das Beste aus dem machen, was wir haben. Und es wird alles gut. Es ist ein Prozess, es braucht Zeit. Good things take time. Aber du bist auf dem Weg, egal wie weit, du bist da. Und das ist alles.
Ich hoffe, dass ihr gut in die Woche startet. Ein bisschen mehr euch selbst zugewandt. Ein bisschen selbstsicherer. Und egal mit welchem Fuß ihr aufsteht, klopft euch morgen früh mal auf die eigene Schulter. U got this. 

Macht es nicht nur gut, macht es besser,

eure Thea

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