(insert inspirational title here)

by - 21:55


105 Tage danach (aus einem vergangenen August)


Sonntagnacht. Die Zeit vergeht neuerdings schneller. Ist das nicht ironisch?, möchte ich fragen. Wenn alles schief läuft, wenn jeder Schritt und jedes Lächeln weh tut, dann vergeht jede Sekunde nur sehr langsam. Eine Sekunde fühlt sich an wie Stunden, man fragt sich ständig: Wann ist es vorbei? Bitte, bitte lass es bald vorbei sein. Aber je mehr man sich wünscht, der Schmerz würde gehen, desto langsamer und zäher zieht er sich durch jede einzelne Zelle eines jungen, verdorbenen Körpers wie meinem. 


Ich weiß nicht was passiert ist. Vielleicht habe ich es wie Voltaire gemacht. Ich habe gemerkt, dass mir Depressionen nicht gut tun, dass das Arme und Beine aufschneiden auf Dauer nicht die Lösung ist. Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein. Das ist es. Ich habe einfach beschlossen, glücklich zu sein. Und jetzt bin ich es. 


Wie kann es sein, dass die Zeit, die man glücklich verbringt, so viel schneller vorbeizieht, als die traurige? Es ist, als hätte jemand mit einer Fernbedienung auf doppelte Beschleunigung gedrückt, alles ist leicht, schnell und flüchtig. Die Wochen vergehen in Zeitraffer und ich fühle mich, als würde ich staunend inmitten dieses Spektakels stehen und zusehen, wie alles an mir vorbeifliegt. Ich bin sehr glücklich. Ich bin atemlos staunend und still glücklich. 


Wir tanzen einen Tanz, einen Tanz in geometrischen Formen, wir passen perfekt aneinander, wir bewegen uns grazil und flüssig aneinander und miteinander - aber nichtsdestotrotz berühren wir uns nie. Beide sehen wir uns an, immer gut ein Stück voneinander entfernt, beeindruckt voneinander und fasziniert von der Möglichkeit den Abstand zu brechen. Aber wir nutzen diese Möglichkeit nicht. 

Hin- und hergerissen zwischen kämpfen und aufgeben, zwischen Waffenstillstand und offensivem Angriff, zwischen weißem Tuch und Sturmgewehr - so liege ich wach. In einer der vielen Sonntagnächte. Es wird noch so viele schlaflose Nächte geben. Ich komme mir ein bisschen fremd vor. Hier, in dieser neuen Welt, die alle Realität nennen, diese Welt, die mir immer so fern war. Es ist spannend, es ist neu. Noch kann ich nicht verstehen, warum alle die Realität verspotten und verhöhnen. Sie ist doch auch nur eine Einbildung der Menschen, ein Sündenbock für ihre Fehler und deren Konsequenzen. Ich bin zufrieden mit meiner Realität, sie ist härter, schärfer und klarer als meine Luftschlösser aus Zuckerwatte mit Schmetterlingen und Einhörnern. Aber diese Realität scheint mir sinnvoller und besser für mich.


Ich habe die Segel gehisst und segele diesmal allein. Jetzt kann ich immer den Horizont fixieren und ich werde nicht seekrank, weil ich den Blick nicht abwende um mich in den Augen von jemandem zu verlieren. Ich höre den Wind in meinem Haar und weiß ganz genau:


Ich bin glücklich. 



Hallo ihr Lieben,
als Einleitungstext gab's diesmal einen Tagebucheintrag von einem meiner alten Tumblr-Accounts. Aus gegebenem Anlass habe ich mal alte Schriftstücke durchwühlt und diesen Fetzen gefunden, schon ziemlich abgetragen und aus einer ganz fernen Saison, an die sich niemand zu erinnern vermag - und er spiegelt merkwürdig präzise wider, wie es mir im Moment geht. Neulich noch habe ich gedacht, dass ich mir jetzt am wenigsten ähnle, dass ich noch nie so weit und entspannt war wie jetzt. Offensichtlich gab es da schon wesentlich früher ähnliche Züge, aber so ist das ja immer: Man merkt den Fortschritt nicht so intensiv während man ihn wagt, sondern meistens erst, wenn man zurücksieht. 

Der Juli hatte ein gutes Ende und mein Lieblingsmonat ist großartig angebrochen, ich hab endlich Felix zurück, der mir sehr gefehlt hat. Das Whatsappen und in Memes verlinken kann ganz schön frustrierend werden, wenn die eigentliche Verbindung sich auf einem viel höheren Niveau abspielt. Und es war anstrengend, wenn ich bei spätabendlichen Diskussionen wild auf den Bildschirm patschen musste und nicht mit voller Inbrunst und tiefem Schock in meiner Stimme meine Gegenposition zu der seinen darlegen konnte. Das face à face hat gefehlt, die Kleinigkeiten an den Menschen, die man lieben gelernt hat und die einem erst dann sehr schmerzlich bewusst werden, wenn man sie nach langer Abwesenheit wieder zu Gesicht bekommt. Unsicheres Zigaretten drehen und dabei maximal kritisch in die Ferne starren oder das unwirsche Brille zurechtrücken. 
Es ist eigentlich kein Wunder, dass wir in eine Krise kommen, wenn wir versuchen, uns nur über das zu definieren, was wir im Spiegel sehen. Dort sehen wir das, was wir ohne diese Kleinigkeiten sind. Ohne unser Haar hinters Ohr streichen, ohne das Nase kräuseln, ohne den Funken in unserem Blick, ohne die Liebe in unseren Gesichtzügen wenn wir bestimmten Menschen zuhören oder die Kritik in unseren Stirnen und Mundwinkeln, wenn wir über jemanden oder etwas reden, das eben sehr wenig von unserer Wertschätzung bekommt. Wir riechen und fühlen uns nicht, wir sehen uns nicht, nicht wirklich. Wir sehen das Spiegelbild einer leeren Hülle unserer selbst, höchstens gepaart mit dem, was wir kläglich versuchen zu sein, und daran scheitern. Sich selbst zu akzeptieren und sogar zu lieben ist viel zu komplex, um das jetzt mit einem Satz aus der Welt zu schaffen. Vielleicht können wir ja damit anfangen, den Geständnissen der Menschen, die uns lieben, mehr glauben zu schenken. Und nicht jedes Mal, wenn man gesagt bekommt "Dein Lachen ist so schön!" zu denken oder gar zu sagen "Naja, ich finde dann sieht man mein Doppelkinn zu sehr". Mit ein bisschen Liebe und Vertrauen, umgeben von einem mindestens befriedigend inspirierenden Biotop mit persönlichen Expansionsmöglichkeiten dürften wir nach und nach zu uns selbst werden.  

Dann war ich noch bei Anna, wir haben einen auf acht Jahre alt gemacht, nur dass unser Caro Kaffee jetzt echter ist und wir über andere Sachen reden. Aber eigentlich sind viele Dinge gleich geblieben und es tut gut, diese wenigen, wirklich vertrauenswürdigen Grundfesten im Leben zu haben, die, egal wie drastisch sich unser Innerstes wandeln mag, immer wieder Halt unter den Füßen geben. Und so bleiben auch bestimmte Gefühle dein Zuhause, zutiefst vertraut, auf immer. Wie zum Beispiel völlig erschöpft vom stundenlangen Schwimmen sein, hungrig und ausgekühlt und matt vom vielen Lachen. Das Kakao (oder mittlerweile Espresso oder Mandelmilch) trinken und dabei ganz lang reden und sich in die Augen sehen, gruselige Filme schauen oder nebeneinander lesen und sich zwischendurch davon berichten, warum man gerade gelacht hat oder wie schön die eben gelesene Textstelle ist. Wärme, Sicherheit und keine grauen Herren in Sicht. 



Dann (ich mag es, journalistische Todsünden zu begehen) war ich nach einer Weile mal wieder in Hamburg und hab Helene getroffen. Es ist ein bisschen verrückt, dass, selbst wenn du an zerschlagenen Fensterscheiben und Brandflecken und zugenagelten Banken vorbeigehst, auch jetzt noch das ganze Leid und Elend ziemlich weit weg wirkt. In letzter Zeit frage ich mich, ob ich mir das nur einbilde, ob das ein unterbewusster Schutz ist oder was das eigentlich ist, dieses Gefühl, das Maß an Ereignissen nicht mehr greifen zu können. Wir können und müssen so viel und dürfen und sollen. Es ist alles da, es wartet darauf gierig aufgesogen zu werden, zerrissen und verurteilt, erhöht und glorifiziert, betuschelt und belästert zu werden. So als würde alles aus rauschenden Milisekunden bestehen, die auf einer gigantischen Stopuhr runterrattern. Ich habe in letzter Zeit häufig das Gefühl, dass alles so voller Erwartung und Forderung ist, wenn ich eigentlich ganz gern mal in Ruhe gelassen würde. Immer überall Fragen, Erwartungshaltung, ein großes "Erzähl mal!" und "Sag doch was!" Und sobald man jemandem etwas mitteilt, einfach nur als Statement, wird das beurteilt. Ah, ja, du tust das richtige. Oh ne, was machst du denn da, du verrückte. Können wir nicht einfach einmal die Dinge sein lassen, wie sie sind, ohne Drama, ohne Trara. Schauen was kommt, es so nehmen wie es wird, und dann damit arbeiten? Positionen stehen lassen, ruhen lassen, damit wir für die wirklich weltbewegenden Situationen genug Kraft haben? Schweigen, wenn es nicht bedrückend, sondern wohltuend ist. Und reden, wenn wir damit etwas ändern. Und bedeutet das jetzt, dass ich opportunistisch bin?
Es tut gut, in dieser lauten, aufreibenden Lebenslage Menschen zu treffen, die die selbe Zeiteinheit haben, ohne direkt zu erwarten, ohne direkt zu verurteilen. In einer Zeit, in der es beinahe verpflichtend ist, hochbrisante politische Diskussionen zu führen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, ist es einfach toll mal Sachen wie "Oh ja, geht mir genauso!" oder "Ist mir gleich, entscheide du mal!" sagen zu können. Loslassen, Horizonte erweitern. Quasi ein stilles "Ich bin cool mit dir" als Grundeinstellung zu haben. Kein "Du sollst so und so sein", sondern "Es ist wie es ist und wir machen daraus ein Fest". 



Die Zeit, wenn alles erledigt ist und man nur auf Ergebnisse wartet, ist eine besondere. Ich versuche immer wieder daran Geduld zu üben, und Ruhe. Den irrwitzigen Luxus, schöne Erfahrungen zu sammeln, auszukosten und damit den Tag zu füllen. Die Woche, den Monat. So als würde ich nach dem letzten Epos erst mal Tagebuch schreiben, einfach weil ich es kann und nichts anderes tun muss. 
Nicht mal Tagebuch, nein, sondern die Geschichte eines Sommers. Falls ich irgendwann mal eine selbstbemitleidende Biografie schreiben sollte, kann ich jetzt entscheiden, was im Kapitel "Der Sommer in dem ich 20 wurde" stehen wird. Ich mag das Gefühl, das dieser Sommer bisher ausstrahlt. Wenn das nicht anmaßend wäre, würd ich ihn "Thea's erster Sommer" nennen. 
So ist es einfach nur der Sommer des Jahres 2017, bildschön und nicht einem einzigen anderen gleichend. Ein Sommer voll mit Grillabenden, heftigen angetrunkenen Diskussionen über Liebe, Selbstwert und Sex, Lachanfällen mit guten Freunden und wilden Aktionen, von denen man nie dachte, dass man sie wirklich durchziehen würde, ein Sommer mit langen Regentagen, langen Regensonntagen und gemeinsam im Bett Star Wars schauen und dabei frühstücken, ein Sommer mit ewigen Radtouren, nach denen einem der Po weh tut, weil kein Mensch genug Sitzfleisch für die verdammten Rennradsättel hat, Eis essen am Deich, Turbo Mate auf dem Schiff, Tanzen und morgens nach Hause laufen, an schlafenden Vögeln und Katzen vorbei. Ein Sommer, in dem man mit Menschen zusammen ist, die einen hungrig auf das Leben machen und nicht den Wunsch wecken, niemals wieder essen zu wollen. Ein Sommer, in dem man nachts verschossen betrunken freihändig grinsend heimfährt und keine einzige Fliege verschluckt, keinen Unfall baut und am nächsten Morgen ohne Kater aufwacht und sich fragt, womit man so viel Glück auf einmal verdient hat. 
Ein Sommer wie keiner und jeder andere. 

Zum Abschluss des Gedankenquarks gibts jetzt noch den ersten Teil des Sommerfilms, der zweite folgt bald!

Seid gegrüßt und macht es gut.

Thea





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