Ganz schön okay

by - 20:05


Wie fühlst du dich, fragen wir einander. Ich weiß nicht genau, ich finde grad nicht das passende Wort.
So wie wenn man beinahe angefahren wird, aber durch eine glückliche Fügung von Physik und Zufall
unversehrt am Aufprall vorbeischrappt und der ganze Körper mit Adrenalin vollgepumpt ist und man noch dabei ist zu begreifen, dass alles gut gegangen ist. 
So wie wenn du auf dem Fünfer stehst und anfängst zu begreifen, dass das eine doofe Idee war, aber du genau in dem Moment einfach losrennst. Wenn du dir einfach keine Zeit lässt, Zweifel zu bekommen. Und in dem Moment, in dem dein Fußballen das kalte Brett verlässt und du nur noch die kalte Luft zwischen deinen Zähnen spürst und wie deine Lunge sich tief füllt, deine Gedanken einfach aufhören. Als wäre ein Schalter umgelegt. 
Es ist wie wenn man sich in einem hippen Restaurant mit einer Freundin unterhält, die man zu lange nicht gesehen hat und man so doll lachen muss, dass die Leute um einen herum gucken, weil es nicht ladylike ist, mit offenem Mund zu lachen, wenn du grad Nudelsalat isst. Aber es ist egal. Weil dieses Gefühl, das zehn Zentimeter unter dem Brustbein in Richtung Bauchnabel sitzt, es wert es. Sowas von wert. 
Es ist auch wie wenn man einen einfach abgefuckten Tag hatte und schon drei Mal vergessen hat, den Kaffee aufzugießen, und man dann zum vierten Mal Wasserkochen in die Küche kommt und auf dem Tisch, einzig und allein eine Kanne mit frisch gekochtem Kaffee steht. Brühend heißem Kaffee. Den du deinen Rachen verbrennen lässt, einfach weil dir das in dem Moment sowas von egal ist. 
Es ist wie gefragt zu werden, wie man sich fühlt. Es ist diese Frage der Fragen, die früher Angstzustände und nicht sprich-, sondern wortwörtliche Angszustände ausgelöst hat. Auf die du so oft gelogen hast, so unzählige Male. Weil eigentlich keiner die Wahrheit hören will und diejenigen, die dich das ernsthaft fragen, dann viel zu tief in dein Leben eindringen. Es ist wie gefragt zu werden, wie man sich fühlt und auf die innere Antwort zu warten, auf die sich auftuenden Abgründe, die verschlossen bleiben, auf die aufreißenden Wunden, deren Narben doch kaum noch zu sehen sind. Es ist das in sich hineinhören und sich selbst fragen "Wie geht es dir?" und als Antwort der Seele zu bekommen: "Well you can answer that for yourself, girl!", die sich daraufhin grinsend zurücklehnt und an ihrem Gin Tonic aus sprudelndem Glück nippt. 
Es ist wie - 
"Wie fühlst du dich?"
"Es ist wie es ist. Und echt ganz okay so."


Ahoi,

long time no see ihr Lieben. Ich hoffe, dass ihr euren Sommer genießt und nicht so viel in der Bib oder zuhause am Schreibtisch verbringt. Ich setz mich jetzt aber an meinen, ausnahmsweise mal. Und schreib über das, was mich so bewegt hat in letzter Zeit.

Vor etwas mehr als zwei Jahren (jesses ist das lang her) hab ich einen Post geschrieben, als ich kurz vor meiner mündlichen Abiturprüfung stand. Aus gegebenem Anlass habe ich mir diesen Post noch einmal durchgelesen (wenn es euch interessiert, Zeitreise beginnt hier) und ganz ehrlich gesagt war das ein ganz schön krasser Rückblick auf das, was zu der Zeit alles los war und mir ist wieder mal bewusst geworden, dass sich diese zwei Jahre nach wesentlich mehr Zeit anfühlen, als sie eigentlich waren.  Zwei Jahre, das ist ein Vierzigstel von dem Alter was ich so durchschnittlich erreichen könnte. Ein Vierzigstel.

Es ist verrückt sich vorzustellen, dass ich vor zwei Jahren vor ein und demselben Bildschirm saß und voller Panik, voller Angst und Verzweiflung in die Tasten gehämmert habe. Und davon geschrieben habe, wie unsicher alles sei. Wie wenig ich wisse und wie hilflos mich das mache. Und es ist verrückt daran zu denken, was diesen Fluss an Ideen in Wallungen gebracht hat. Diese eine Party da, noch bevor es wirklich Sommer geworden war. Das ist erst zwei Jahre her, aber die Erinnerungen sind trotzdem nur bildhaft, oder wie schlechte Gifs. Ich weiß, dass ich das erlebt habe, ich weiß, dass ich das alles gefühlt habe, aber das fühlt sich alles unendlich entfernt an. Das Gefühl, mutterseelenallein zu sein. Die Kälte, die Trauer, die so tief war, dass man nicht mal weinen konnte. Und dann dieser Abstand zu allem.
Rückblickend ist alles irgendwie weniger schlimm, weil es so weit weg ist, aber gleichzeitig auch noch schlimmer, weil ich jetzt erst manches verstehe. Gefühle und Situationen, von denen ich mich in dem Moment nicht distanzieren konnte weil ich einfach drin steckte. Wie anstrengend es war, etwas fühlen zu wollen, aber nichts zu spüren. Nicht die leiseste Regung. Wie eine Seelenlähmung. Das "Ich will dir nah sein" aber den schwarzen Abgrund nicht überwinden zu können.

Und noch verrückter ist es, nichts mehr von all dieser Sorge zu spüren. Rein gar nichts. 

Premium Cola. Lol.


Kurz vorm Abi haben mir viele Menschen immer wieder eingetrichtert, so aggressiv und wiederholt, dass die Welt jetzt vor mir liegt. Dass all diese Möglichkeiten so unfassbar wertvoll sind und ich doch ganz unglaublich dankbar sein muss. Weil alle Türen für mich offen stehen. Weil alles noch unberührt und unerforscht ist. 
So ist das mit Menschen, die diesen Weg schon hinter sich haben. Menschen, die schon abertausende an wichtigen Entscheidungen treffen mussten und sich fast nicht mehr daran erinnern wie das war: Vor diesen Möglichkeiten zu stehen, wenn du null Plan hast, wer du bist und was du willst und alle um dich rum schreien: Los, triff eine Entscheidung, alle warten darauf, dass du einen bedeutenden Schritt tust! Es ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein gigantischer abgefahrener Schritt in deinem Leben!
Das ist Quatsch. 
Am liebsten würd ich mein siebzehnjähriges Selbst bei den Schultern packen und locker rütteln, mir den steifen Blick aus den Augen schütteln, diesen Tunnelblick in eine Zukunft, die ich nie genießen werde, wenn ich nicht aufhöre immer im Futur zu reden. Eines Tages, eines schönen Tages, wenn ich groß bin, wenn ich mal Geld habe, irgendwann, vielleicht, wird mir eventuell klar werden, dass die beste Zeit meines Lebens genau jetzt passiert. Das Leben ist das, was passiert, wenn du gerade ganz hektisch Pläne für die Zukunft machst. So einfach ist das. Es ist herrlich einfach, das so zu sagen. So einfach ist das. Ist es nicht, und das wird es auch nicht sein, ich weiß, Wenn wir nicht mal die Gelegenheit ergreifen und während wir mit zweihundert Sachen in eine Zukunft rasen, die sowieso anders wird als wir sie perfekt durchgeplant haben, einfach mal die Handbremse ziehen. Psychisch macht das genau das, was auch auf der Autobahn passieren würde. Ja, stellt euch das ruhig mal bildlich vor. Wir haben das große Glück, dass unser Bewusstsein und unsere Psyche keine physischen Grenzen haben und sich deswegen davon erholen werden, wenn wir uns trauen alles auf den Kopf zu stellen. Mehrmals. 
 


"Ich bin verdammt nochmal erst siebzehn und soll Entscheidungen treffen, die diese riesige unnahbare Instanz "Zukunft" bändigen sollen, aber das ist so viel einfacher gesagt als getan." 
Niemand erwartet von dir, dass du mit siebzehn Entscheidungen triffst, die dein gesamtes Leben verändern. Davon gibt es nur sehr sehr wenige und nur vereinzelte junge Menschen kommen tatsächlich in die Lage, in der eine einzige Entscheidung ihren gesamten weiteren Lebensweg beeinflusst. Alles was wir tun, das sind winzige kleine Schritte, auf einem unendlich langen Weg. Wir befinden uns nicht auf der Regenbogenstrecke bei Mario Kart, man. Du darfst auch mal daneben treten und straucheln. Du kannst auch im Nachhinein sehen: Jo, das war echt Scheiße. Aber das ist nur ein kleiner Teil von einem großen, kaum ermessbaren System. 
Man kann keine Entscheidung rückgängig machen, das ist richtig. Aber solange du im Nachhinein sagen kannst: Ja, das wollte ich voll und ganz und dafür stehe ich ein - Und jetzt will ich etwas anderes und würde die damalige Entscheidung anders treffen. Dann bist du auf einem Weg und das reicht doch auch schon. Und außerdem ist die Zukunft nicht dein Feind. Der bist du dir höchstens selbst. Chill. 
 
Ich will kein Leben leben, das von Angst bestimmt ist. Auf der ganzen Erde gibt es abermillionen von Menschen, die in Angst leben müssen, weil in ihrem Land Krieg herrscht. Weil sie dafür, dass sie jemanden lieben, öffentlich hingerichtet werden dürften. Weil sie auf der Flucht sind und nicht wissen, ob sie jemals wieder ihre Familie und Freunde wiedersehen und ob sie diese Reise überhaupt überleben. Weil sie eine tötliche Krankheit haben und keine Zeit mehr haben, all die Dinge zu tun, die sie doch mal machen wollten. Kinder zum Beispiel. Kunstwerke. Häuser. Oder gar nichts. 
Ich will kein Leben leben, das von Angst bestimmt ist, die ich selber heraufbeschwöre. Ich will nicht von Dingen unterdrückt werden, die gar nicht da sind. Prinzipien, Erwartungen, Wahrscheinlichkei-ten.  Ich will nicht in allem eine Bedrohung sehen und immer davon ausgehen, dass ich nicht gut genug bin. Egal was ich tue. Und ich will nicht in einer Welt leben, in der ich Anekdoten und Ratschlägen von anderen Menschen, die mir gar nicht ähnlich sind, mehr vertraue als meinem Bauchgefühl und meinem Herzen. Und meinem eigenen Verstand. 
Ich will kein Leben leben, das von Angst vor allem bestimmt ist, wenn eine Welt da draußen auf mich wartet. Ein ganzes Universum. Dessen Teil ich bin.
 
Wir sind so jung. Und zumindest viele von uns sind gesund. Wie weit sind wir eigentlich gekommen, dass wir Bücher von Jugendlichen lesen müssen, die lebenslimitierende Krankheiten haben, um uns wieder darauf zu besinnen, wie gut es uns geht? Ernsthaft? Wir müssen erst davon lesen wie es ist, sich zu verlieben und morgen sterben zu können, damit wir uns glücklich schätzen mit dem was wir haben? Das kann es doch nicht gewesen sein. Sind wir wirklich schon so abgedroschen und zynisch? 
Ist mir egal, was die Wirtschaft sagt. Und was irgendwelche altbackenen Spekulanten darüber wettern wie unsere Generation sein wird. Was wir ausbaden müssen. Ich werde ganz sicher nicht meine Jugend, die hundertprozentig vergehen wird, das ist klar, damit verbringen, mir auszumalen und zu planen was ich alles tun werde, wenn diese vorbei ist. Wie blöd wär das denn bitte. Den wildesten, schönsten und vielleicht wichtigsten Zeitraum in unserem Leben damit verbringen, darüber nachzudenken, wie alles wird, wenn das hier vorbei ist. Fang doch einfach an zu leben. 
 
 

Im Moment warte ich auf die Rückmeldung von den Unis, arbeite und lebe tatsächlich im hier und jetzt. Wenn ich an die Zukunft denke, zucke ich innerlich mit den Schultern, lächle und im innersten fühlt es sich an nach "Die wird mit Sicherheit spannend!". Ich leiste meinen Beitrag zu den vielen Ereignissen und Konstellationen und schau halt, was das Schicksal und der Zufall und die Wissenschaft des Lebens daraus machen. Wenn ich mich frage, wie es wohl in zwei Jahren aussieht, tut sich unter mir kein Abgrund auf und ich habe nicht das Gefühl immer tiefer zu fallen. An Tagen, an denen es aussieht, als würde die Welt untergehen, fühle ich in mich hinein und warte auf die innere Leere und die bodenlose Angst, das Gefühl, dass alles kippt und rutscht und schreit, nach Hilfe ruft. Aber es bleibt ruhig und still und ich trete noch mal fest auf den Boden um zu schauen, ob die Dielen nicht doch nachgeben und ich den Halt verliere. Doch es knackt nicht und bricht nicht. Ich steh auf beiden Beinen auf dem Fundament, das ich mir selbst gegossen habe und ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann. Ich weiß, dass ich stark genug bin und dass ich morgen wieder voll von Glück sein werde, wenn ich mich auf mein Rad schwinge und den Sommerwind auf der Haut spüre. Und ich werde es fühlen und auskosten können, dieses Glück. Das Dopamin wird nicht aufgebraucht sein. Ich bin wieder grenzenlos. 

Du bist grenzenlos. 

Ein kleiner Vorschlag für die nächsten Entscheidungen, die du in den nächsten Tagen fällen musst. Wie wär's denn, wenn du das tust, was dein Herz dir sagt? Ja, du solltest sie ansprechen, wenn du schon zum vierten Mal von ihr träumst. Nein, du hast nichts zu verlieren. Rein gar nichts. Wie wär's, wenn du auf dein Bauchgefühl achtest? Nein, du musst nichts durchziehen, nur damit man sieht, dass du auch was durchziehen kannst. Und ja, du darfst diese Pizza essen. Hau rein.
Es ist egal, was die anderen denken. Es ist egal, welche Prinzipien unsere Gesellschaft dafür hat, wie lange man welche Ausbildung in welchem Bereich machen darf ohne als Versager dazustehen. Diese Zeit, die du jetzt hast, die gehört nur dir. Das ist dein Schatz. Das ist die Zeit, in der du dich prägen darfst, das ist das Fundament von dem Menschen, der du eines Tages sein wirst. Mach das, wonach dir der Sinn steht. Mal dein Leben in den Farben, die dich zum lachen bringen. Und nochmal fürs Protokoll: Scheiß auf das, was andere denken könnten. Das kannst du eh nicht beeinflussen. Du gehörst dir. Und du brauchst diese Worte eigentlich nicht mal. Klapp den Laptop zu, fahr den PC runter, schalte das Handy aus. Steh auf. Glaub an dich selbst. Und sei du selbst. Das wird ein Fest. 
 
Vielleicht ergibt das alles keinen Sinn. Aber vielleicht muss auch nicht alles einen Sinn haben. 
Demnächst kommen zwei neue Filme von Nick&Daisy und bald ist Nick auch wieder im Lande! Haltet die Ohren steif und fragt euch nicht zu viel. Ihr werdet geliebt. Weil ihr ihr seid. Macht einfach mal. Los geht's. Diese Zeit ist die unsere. 

Mast- und Schotbruch, 

eure Thea


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