Februarjournal

by - 13:10


Unser Leben fordert Tribute,

denke ich. Ich stehe vor meiner Zimmerwand und schaue die kahlen Flecken an. Oh je, denke ich, wie so häufig in letzter Zeit. Oh je. Ohne die dreiundzwanzig Bilder ist die Wand quasi leer und ich bin beeindruckt, wie viel Tiefe die Bilder dem Raum verliehen hatten. Eine Tiefe, die jetzt verloren war. Fotografien, Kritzeleien, Texte, Skizzen, Malereien - alles weg. Und neun Quadratmeter sind auf einmal wirklich nur neun Quadratmeter. Auf einmal ist meine Welt nicht mehr San Francisco, Paris, München und am meisten Berlin, sondern wirklich nur Bremen. Wirklich nur weißer Putz.
Draußen regnet und stürmt es, der Fensterrahmen knackt unter dem Druck, und wenn ich meine Hand flach an das Glas lege, kann ich spüren, wie es sich unter der Kraft des Windes in meine hohle Handfläche legt. Das weiß ich, weil das so was typisches ist, was nur ich zu tun scheine. Die Hände an Glas legen, um die Kraft des Sturmes zu spüren. Oh je, denke ich. Oh je. 
Ich bin traurig, als ich den großen Umschlag aus braunem Papier in meinen Nachttisch lege. Ich habe den Geschmack dieses merkwürdigen Briefklebers auf der Zunge, obwohl der Umschlag noch nicht mal geschlossen ist. Ich kann ihn nicht schließen. Ich bin nämlich abergläubisch, und wenn ich den Umschlag jetzt schließe, dann ist es vorbei. Diesen winzigen Funken von Hoffnung, dass alles wieder gut werden könnte, den behalte ich nämlich trotzig. So weit kann ich Statistik. Sie macht keinen Spaß, wenn es nur ein Ende, eine Möglichkeit, eine Wahrscheinlichkeit gibt. 100%ige Wahrscheinlichkeiten gibt es im Leben wenig. Eigentlich nur eine einzige. Also halte ich mich weiter daran fest, dass alles ja anders laufen könnte, dass doch alles neu sein könnte. Und der Umschlag bleibt offen. 
Dreiundzwanzig Fetzen Kunst. An dieser Stelle bin ich unfassbar dankbar für diese Freunde, mit denen man sich bis aufs Zahnfleisch darüber zerdiskutieren kann, was Kunst eigentlich ist. In diesem Umschlag ist Kunst, die in Form von Memoiren besteht. Kunst, die versucht, verschiedene Gefühle und Ereignisse in Verbindung mit einem wichtigen Element zu verewigen. Wir können nichts festhalten, nichts können wir behalten. "Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören," das ist so ein Bullshit, den Spruch fand ich früher schon scheiße, weil das nämlich einfach nicht toll ist. Und eigentlich auch nicht wahr. Nein, das Leben ist kein Wunschkonzert. Aber es ist auch nicht eine Jahrelange Warterei mit dem Kopf auf dem Henkerblock. Es ist das, was man draus macht. Und manchmal, ja, manchmal sollte man, wenn es am schönsten ist, einfach weiter machen. Einfach weiter machen. Immer weiter. Wir können nichts festhalten. 

Unser Leben besteht aus einer Menge Willkür, unseren Entscheidungen und den Erfahrungen, die wir aus ihnen ziehen. Das zusammen ist dann wohl das, was man persönliche Entwicklung nennt. Und im Moment denke ich häufig an all das, was wir rechts und links von uns lassen, damit wir auf dem Weg voran kommen. Oder - ist das wirklich etwas, was uns bewusst ist? Lassen wir es liegen? Oder vergessen, vernachlässigen wir einfach, weil wir so sehr damit beschäftigt sind, was aus uns wird? Sind wir so egoistisch? Ist das egoistisch? 
Ist es nicht viel mehr so, dass wir erfolgreich ein Level abschließen, zum Portal zur nächsten Ebene kommen und in dem Moment, in dem wir den Schritt nach vorn, den Schritt von Zukunft wird Gegenwart machen, realisieren, dass da etwas fehlt? Dass wir etwas zurückgelassen haben, das wir völlig vergessen haben, weil wir so aufgeregt waren, dass es voran geht. Oder dass wir uns erfolgreich von etwas losgemacht haben, das uns beschwert hat und wir nun gerader und leichter aus der letzten Phase hervorgehen. Ein zweischneidiges Schwert ist das. Weil manchmal auch Dinge zurückbleiben können, die uns so unfassbar wichtig waren, die unser Herz schlagen und in unserem inneren Garten Triebe von Liebe und Hoffnung gelassen haben. Was, wenn wir diese zurückhaben wollen? Diese wichtigen Wegbegleiter, die uns die Welt bedeuten. Manchmal verlieren wir ein bisschen Kindheit, manchmal etwas Unbeschwertheit, aber teilweise verlieren wir auch Bitterkeit und Angst und gehen mutiger und schöner als je zuvor. 

Unser Leben, unsere Entwicklung, fordert Tribute. Und im Moment hadere ich sehr damit, dass ich eventuell in den letzten Jahren ein zu kostbares Tribut geben musste. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass der Preis für mein "Überleben" die Beziehung zu einem anderen Mensch ist. Ich will mein Leben nicht für den Preis gewinnen, dass ein anderes aus eben diesem verschwindet. Das klingt vielleicht in sich schlüssig, nach natürlichem Gleichgewicht oder sowas. Aber ich will das einfach nicht. Und ich erstarke in diesem irrsinnigen Kinderglauben, in diesem Trotz. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass einer der Hauptgründe dafür, dass ich auf dem Zahnfleisch gehend Marathon gelaufen bin, gar nicht mehr da ist. Jetzt, wo ich am Ziel bin. Jetzt, wo ich mir das Blut und den Staub von Händen gewaschen habe. Jetzt, wo ich als quasi neuer Mensch, so unfassbar glücklich und dankbar bin. Ich will mein Leben ohne Sorgen genießen. Mit allem was dazu gehört. Nicht ohne. 


Mir fällt grad wieder auf, was für ein schlechter Nicht-Kämpfer ich bin. Ich kann alles geben. Ich bin so einer der Kandidaten, die auch drauf gehen würden, wenn sie dafür hätten sagen können, sie haben alles gegeben. Ich bin ausdauernd und verbissen, ich bin stark und geradzu krankhaft ehrgeizig, wenn ich etwas wirklich will. Was ich nicht kann, ist auf der Auswechselbank sitzen. Das geht nicht. Ich kann nicht ruhig abwarten. Ich muss etwas tun, ich will etwas bewegen, mich nützlich machen. Ich kann alles, außer still sitzen. Und das nervt. Es wäre schön, sich mal entspannt hinsetzen zu können und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Aber das fällt mir irre schwer. Und damit hadere ich. Ich will nicht durch die leicht bläuliche Scheibe ins Geschehen blicken und einfach hoffen müssen. Ich will so gern argumentieren, bitten, erklären, tanzen, boxen und wenn nötig sing ich mich auch zum Erfolg. Aber ich mag einfach nicht hoffend dasitzen und mir wünschen, dass alles gut wird. 

Nun habe ich alle Bilder abgehangen und es tut mir weh, die Löcher, die in meinem Inneren klaffen, an einer Wand vor mir zu sehen. Ich weiß nicht so richtig, warum ich gerade Philipp Poisel und Enno Bunger zu dieser Aktion hören musste, wahrscheinlich weil ich mich auch gern in so etwas hineinsteigere. Während Philipp und Enno mir zustimmen und das Gefühl vermitteln, dass vielleicht doch alles wieder gut wird, notiere ich noch eine Liste der Kunstfetzen, mit Datum und Titel und sortiere sie nach Erstellungsdatum. Manchmal komme ich nicht gut damit klar, wie leicht es mir fällt, meine Gefühle auszudrücken. Wenn ich schreibe oder male, dann denke ich nicht daran, wie das wirkt, wie es klingt, weil ich drin stecke. Aber später, geheilt und beruhigt, wenn ich dann manchmal die Skizzen und Texte sehe - dann schnürt es mir die Kehle zu, weil so viel Angst, Trauer und Schmerz aus ihnen spricht. Und das so lebendig. Genau aus dem Grund verstecke ich alle Bilder von und über den letzten Tribut in einem Umschlag, bis ich weiß, wie es weiter geht. Im Moment kann ich mir nicht jeden Tag ansehen, was ich zerstört habe. Das wäre zu viel. 



 Ahoi,

heute morgen ist mir etwas klar geworden, in einer ganz witzigen Situation. Paul Auster erzählte grad aus seinem Winterjournal und ich bürstete meine Augenbrauen (ist das nicht ein Satz für die Götter? Ich glaube ich muss professioneller werden), als sich mir erschloss: 

Wir würden aufhören, uns selbst zu hassen, wenn wir wüssten, dass uns das unsere zwischenmenschlichen Beziehungen kosten würde, oder? Nur wissen wir das im Voraus nicht. Ist es nicht verrückt, dass wir uns so sehr hassen können, dass wir blind für die werden, die uns so mögen wie wir sind? Ich bin immer wieder schockiert fasziniert von den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche. Manche Sachen sollten einfach verboten werden. So wie anderen Menschen nicht zu glauben, was sie sagen, wenn sie einem Komplimente machen, sagen: Ich mag dich so wie du bist. "Ich glaube dir nicht, ich weiß nämlich, dass ich nicht liebenswert bin, im wahrsten Sinne des Wortes." Das ist doch verrückt! 
Es ist schon richtig so, dass nur wir selbst uns in unserem dunkelsten kennen, aber wir sollten auch ein offenes Ohr dafür haben, wie wir auf unser Umfeld wirken und scheinen. Nicht nur im Sinne negativer Kritik, sondern auch im Sinn positiver. Wir erleben uns vielleicht in unseren Antiheldenstunden, in den Stunden fernab von denen der Sterne, aber wir sehen uns nie mit leuchtenden Augen über etwas reden, was uns beeindruckt oder bewegt, wir sehen nie den Ausdruck in unserem Gesicht, wenn wir jemanden umarmen, der uns schrecklich gefehlt hat, wir hören nie unser Lachen und sehen unser Gesicht, wenn wir völlig hemmungslos über einen schlechten Witz lachen, wir sehen uns nicht die Augen wenn wir aus einer Urüberzeugung heraus für das, was wir lieben, kämpfen - Wir haben eine sehr kleine Perspektive, wenn wir uns nur auf uns fokussieren. 
Unser Egoismus schadet am meisten uns selbst. 
Ein empfindliches Gespür dafür, wie man sich verhält ist gut. Aber sich selbst ein unmenschlich harter Kritiker zu sein, und Kritik zu üben, die vielleicht in Hassrede überufert ist schädlich. Sie macht nicht nur uns kaputt, sondern alles um uns herum, das uns liebt und mag, so wie wir sind. Mit unseren Macken und Schrammen. Und so sind wir gut. Wir dürfen uns nicht so sehr hassen, dass wir die Fähigkeit verlieren, Liebe zu akzeptieren. 


Der Film wächst, es dauert nicht mehr so ewig. Ich hätte irre gern noch mal Aufnahmen bei gutem Wetter, aber das 16 Tage Wetter macht mir keine großen Hoffnungen - wir werden sehen! :) Ich habe mittlerweile eine tolle Bleibe in Berlin gefunden und freue mich riesig, Sommer in Berlin klingt gerade sehr verlockend. 
Ich hoffe, ihr habt einen schönen Sonntag, tut euch mal was gutes! 
 
Es grüßt das Mädchen vom Meer

 
 

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