En svensk sommernattsdröm

10:00


Wir gingen spät ins Bett und wachten am Tag darauf mittags schlaftrunken und zufrieden auf. Wir badeten im kalten See, in dem unsere Füße und weißen Beine orange aussahen, und sprangen vom Steg und verscheuchten die Hechte. Dann trockneten wir wie die Libellen auf den warmen Steinen und schliefen, bis der Wind zu kalt wurde. Nachmittags suchten wir Blaubeeren und Pfifferlinge, tranken Kaffee so schwarz wie die Nacht und aßen die Zimtschnecken, die die Oma vorbeibrachte. Unser Snapple war kalt und sauer und die Sonne war warm und abends aßen wir im Sonnenuntergang Falafel. Wir duschten mit Seewasser im Garten und froren. 
Und nachts, nach meistens einer oder zwei Flaschen Wein, holten wir unsere Bettdecken und legten uns raus auf den Steg und blickten in die Milchstraße. Sich so unendlich klein zu fühlen, das war unglaublich schön. Es gab uns eine skurrile Geborgenheit, die wir woanders nicht fanden. Und wenn wir Sternschnuppen sahen und sie nicht gerade mit Satelliten verwechselten, dann wünschten wir uns, wir könnten immer so glücklich sein. 


Wir wussten, dass es nicht immer so sein würde. Und wir wussten auch, dass wieder dunklere Zeiten kommen würden, aber jetzt war Sommer und jetzt war alles hell. Wir akzeptierten Floskeln wie "Klopf auf Holz," oder "Na, das sag mal lieber nicht zu laut," nicht, nein. Warum sollten wir nicht das bisschen Glück, das wir hatten, genießen und immer sofort denken, es würde verloren gehen, sobald wir es genießen würden? Richtig, dafür gab es keinen Grund, also lebten wir für den Moment. 


Hej hej, kära vänner. 

Nach meiner Ankunft zurück in Deutschland ging es gleich weiter nach Berlin, um dort meine Freundin Linn abzuholen. Zusammen haben wir ein paar Tage in Deutschland verbracht und sind nach meinem Geburtstag nach Schweden gereist. Über ein paar merkwürdige aber doch ganz glückliche Umstände habe ich ein paar Freunde in Schweden und Linn ist mir die liebste von allen, ein unglaublich besonderer Mensch - und was gibt es schöneres als mit einer so guten Freundin den schwedischen Sommer zu erleben? Richtig, nicht viel. 
Meine neue analoge Spiegelreflex, die ich zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen habe, hatte ich natürlich dabei und habe versucht, die schönen Momente irgendwie festzuhalten. Die Bilder stammen aus Karlstad, Norrköping, Katrineholm und Karlstad, um euch ein Gefühl von der Gegend zu geben, die ich in den Bildern festgehalten habe. Um ein bisschen die Bilder mit der Stimmung, die man auf dem Land in Schweden bekommt, zu untermalen, sind hier noch ein paar Lieder, die mich in Schweden begleitet haben. 

           

           

             

"Auch im Raum erstrecken wir uns weit über das hinaus, was sichtbar ist. Wir lassen etwas zurück, wenn wir einen Ort verlassen, wir bleiben dort, obgleich wir wegfahren. Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wieder finden können, dass wir dorthin zurückkehren. Wir fahren an uns heran, reisen zu uns selbst, wenn uns das monotone Klopfen der Räder einem Ort entgegenträgt, wo wir eine Wegstrecke unseres Lebens zurückgelegt haben, wie kurz sie auch gewesen sein mag. Wenn wir den Fuß zum zweiten Mal auf dem Bahnsteig des fremden Bahnhofs setzen, die Stimmen aus dem Lautsprecher hören, die unverwechselbaren Gerüche riechen, so sind wir nicht nur aus dem fernen Ort angekommen, sondern auch in der Ferne des eigenen Inneren, in einem vielleicht ganz entlegenen Winkel unserer selbst, der, wenn wir anders – wo sind, ganz im Dunkeln liegt und in der Unsichtbarkeit. Warum sonst sollten wir so aufgeregt sein, so außer uns selbst, wenn der Schaffner den Namen des Ortes ausruft, wenn wir das Quietschen der Bremsen hören, und von außen dem plötzlich einsetzenden Schatten der Bahnhofshalle verschluckt werden? Warum sonst sollte es ein magischer Moment, ein Augenblick von geräuschloser Dynamik sein, wenn der Zug mit einem letzten Rucken zum vollständigen Stillstand kommt? Es ist, weil wir von den ersten Schritten an, die wir auf dem fremden und auch nicht mehr fremden Perron tun, ein Leben wieder aufnehmen, das wir unterbrochen und verlassen haben, als wir damals das erste Rucken des anfahrenden Zuges spürten. Was könnte aufregender sein, als ein unterbrochenes Leben mit all seinen Versprechungen wiederaufzunehmen? Warum bedauern wir Leute die nicht reisen können? Weil sie sich, indem sie sich äußerlich nicht ausbreiten können, auch innerlich nicht auszudehnen vermögen, sie können sich nicht vervielfältigen, und so ist ihnen die Möglichkeit genommen, weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes sie auch hätten werden können." 

- Auszug aus Nachtzug nach Lissabon, Pascal Mercier


Herr Mercier hat da etwas ganz gut in Worte gefasst, was mir in Schweden ziemlich Probleme bereitet hat. Es ist merkwürdig an Orte zurückzukehren, mit denen man unaussprechlich viel verbindet. Oder verbunden hat. Es ist ein beinahe schmerzhaftes Betrachten, ein Realisieren, wie man sich verändert hat, wie man sich anders verhält und wie man sich von der Person unterscheidet, an die wir uns erinnern, wenn wir daran denken wie es war, das erste Mal an eben diesem Ort zu stehen. 
Nicht immer ist es schön, von den Geistern des vergangenen Glücks heimgesucht zu werden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich es ertragen habe, dasselbe zu sehen, was mich schon vor einiger Zeit bewegte, aber es mit anderen Augen zu sehen. Und sich dabei gleichzeitig an die Augen zu erinnern, die einmal das selbe betrachtet haben, aber nun nicht mehr sind, weil der Wandel der Zeit sie so sehr verändert hat. 
So viel wirres Geschwafel - was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich in Schweden sehr intensiv daran erinnert werde, wie glücklich ich sein kann und wie glücklich ich in bestimmten Momenten war. Postwendend ist es nicht immer einfach, sich bei diesem Gedanken nur auf das Glück zu fokussieren, sondern auch an die Wendung zu denken, die dieses Glück genommen hat.
Wahrscheinlich hört das nie auf, dass man immer von Erinnerungen heimgesucht wird, wenn man an die Orte zurückkehrt, an denen sie entstanden sind. Ich glaube es ist ganz okay, so können wir immerhin an bestimmte Orte gehen, wenn wir uns erinnern wollen.
Für mich wird Schweden immer irgendwie mein liebstes Land bleiben, auch wenn ich natürlich gerne in Deutschland lebe. Aber die tiefen Winter und die unendlich langen Sommernächte, die besondere Art der Menschen in Schweden und die Landschaft findet man einfach sonst nirgendwo. Manchmal muss man für all die Schönheit eines Ortes und seine Faszination für etwas ein bisschen was leisten, selbst wenn das bedeutet, an schwierige Zeiten erinnert zu werden. Glück erreicht man schließlich immer nur über Umwege.





Bei dem Bild fällt mir immer sofort der Satz oder auch Titel einer meiner Lieblingsfilme ein: Ist sie nicht wunderbar? Szene in einem Museumscafé auf Sandgrund in Karlstad.






In Schweden haben Linn und ich ein paar Tage im Sommerhaus ihrer Großeltern am See verbracht. Es ist genauso schön, wie man es sich nur vorstellen kann. Wir haben die Zeit hauptsächlich mit Schwimmen, essen oder reden verbracht - eine ganz großartige Kombination. Nach der anstrengenden Amerika-Reise war diese Auszeit einfach perfekt. Es ist verrückt, wenn man jemanden findet, mit dem man sich über alles unterhalten kann. Und mit alles meine ich: Wenn ich etwas sage und denke "Um Gottes Willen, denke ich echt so? Ich bin echt total ab vom Patt," und der jemand dir gegenüber plötzlich leuchtende Augen bekommt und ruft: "Genauso geht es mir auch immer!", dann wird einem irgendwann klar, dass man sich wohl gefunden hat. Solche Freundschaften sind etwas besonderes und Linn ist genau so eine Freundin. 
Zurück in Forshaga und Karlstad habe ich eine Menge neue Leute getroffen, unter denen ein paar ganz wunderbare Menschen waren, die mir sehr im Gedächtnis und im Herzen geblieben sind. Die Reise war wirklich wunderbar und ich habe lange nicht mehr so viel positive Energie aus Begegnungen und Erlebnissen mit neuen Freunden ziehen können, wie dieses Mal in Schweden mit Linn. 









Ich hatte eine wunderbare Zeit in Schweden und freue mich schon auf das nächste Mal, und natürlich auf meine längere Schwedenreise nächstes Jahr mit Alina. Ich glaube ich habe relativ viele Länder für mein Alter gesehen und bin manchmal ziemlich erstaunt, wie wohl ich mich in Schweden fühle, obwohl wir vergleichsweise selten dort waren. Vielleicht ist das genauso wie mit Liebe auf den ersten Blick. 

Puss & Kram,

Flickan från havet


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4 Kommentare

  1. Dankeschön für das superliebe Kompliment.

    Und by the way ganz toll geschrieben! :-)

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  2. Ohh was für wundervolle Fotos! Da kann man sich richtig reindenken - und fühlen! Ich liebe Analoge Fotos auch einfach immer so sehr. Das ist einfach aufregend, wenn man nicht weiß, welche der Motive jetzt wirklich was geworden sind. Und die Musikauswahl ist ebenfalls großartig. Find ich auch immer super wichtig, die richtige Musik beim Reisen :)

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  3. Oooh, wie wunderschön! Ich freue mich gerade riesig, dich gefunden zu haben!

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    1. Danke, Conny! <3 Das ist ein so schöner Satz, vielen Dank. Ich freu mich sehr, dass du mich gefunden hast!!

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