Abschied muss man üben

22:09


Ich lasse meinen Blick über all die Gesichter streifen, auf die Gesichtsausdrücke, die so faszinierend stark variieren. Zwischen Stolz und Rührung, Bewunderung und Überraschung, zwischen Freude und Siegesgeist sind auch vereinzelt in schwachen Momenten Angst und Trauer zu sehen. Sie sagen, man fällt in ein Loch, wenn man diese Orte verlässt, in ein Loch, und niemand kann einen auffangen als man selbst. Es ist alles ein bisschen wie in Zeitlupe. Und das in einem Moment, der so besonders ist wie dieser. Viele fallen sich in die Arme, man hört unter Tränen hervorgepresste Glückwünsche und lautes Lachen, erleichtertes Lachen, selbstsicheres Lachen. Alles sieht so fröhlich und ausgelassen aus. Und das Wissen, dass alle jetzt zum feiern in die umliegenden Städte fahren, macht ein warmes Gefühl im Bauch. Siegesmut, Feierlaune und alle sind stolz wie Oskar.

Ich frage mich, ob ich die einzige bin, die das alles furchtbar traurig findet. Ob ich die einzige bin, die gerade versteht, dass das hier ein Abschied ist. Ein Auf Wiedersehen, auf unbestimmte Zeit. Ich glaube, dass uns allen viel zu spät klar werden wird, dass genau das hier der Moment war, in dem wir uns hätten verabschieden müssen. Unser letzter gemeinsamer, versammelter Moment. Ein Wimpernschlag der merkwürdigen Gemeinschaft, die wir bilden. Wahrscheinlich ist es gerade gut so. Höchstwahrscheinlich ist es sogar der beste Abschied, den ich je erlebt habe. Weil es nicht weh tut, wenn man nicht weiß, dass man sich verabschiedet. Weil wir jetzt ganz fröhlich nach Hause schweben und feiern und erst wenn wir müde und erschöpft ins Bett fallen, kurz vorm einschlafen verstehen, dass wir noch so viel hätten sagen wollen und dass das jetzt nicht mehr geht.
Abschiede sind nicht so einfach. Manche sind ziemlich hart, sehr schmerzhaft und zerreißen einen. Aber es gibt auch die Abschiede, die so flüchtig sind, die nicht ausgesprochen werden, die eher wie ein Fest sind, vielmehr wie eine Feier, die man der gemeinsam verbrachten Zeit ausrichtet. Mir wird klar, dass das hier, jetzt, dieser Moment - das ist ein Abschied der letzteren Art.


Am gestrigen Samstag habe ich endlich endlich endlich mein Abitur überreicht bekommen. Sagt man das so? Ich habe jetzt die Bescheinigung, dass ich mich diesen Weg bis zum Ende durchgebissen habe. Ich habe viel weniger geweint als ich erwartet hatte und ich bin wahnsinnig stolz auf mich. Ein bisschen glaube ich, dass ich gestern etwas verstanden habe. Ich habe mich selbst überrascht. 
Gestern habe ich etwas geschafft, von dem ich nicht geglaubt hatte, es meistern zu können. Ich habe meine eigene Angst, all meine Sorgen unbestätigt im Regen stehen lassen. Entgegen aller Erwartungen habe ich meinen Einser-Schnitt gemacht, habe den mehr als schweren Umständen getrotzt und - ich kann das echt so sagen, oder? - ich habe gesiegt. Ich habe mit dem schwarzen Hund an meiner linken Seite diesen Berg erklommen. Ich hab das wirklich gut gemacht.
Mehr als nur stolz auf mich bin ich mir bewusst, dass mir dieser Erfolg (meiner Meinung nach) eine gewisse Aufgabe, eine Pflicht auferlegt - im positiven Sinne. Ich möchte denen, die den Glauben an sich selbst verloren haben, die in einer ohnehin schon komplizierten Zeit einen Schicksalsschlag erleiden, die den Statistiken nach zu urteilen keine Chance auf eine gute Zukunft haben, denen möchte ich ein positives Beispiel sein. Ich will, dass Menschen, die in einer ähnlichen Situation wie ich waren oder sind, sich ihrer eigenen Stärke und ihres eigenen Wertes bewusst werden und nicht vergessen, dass sie das schaffen können. Ich hoffe zumindest, dass ich das schaffe. Ich würde es mir so sehr wünschen. 
Nur weil wir immer in die andere Richtung laufen müssen, weil wir unser eigenes kleines Paket mit uns transportieren und nie eine andere Wahl haben werden, heißt das nicht, dass wir nicht auch auf unserem eigenen Weg das Ziel erreichen können - oder zumindest auf dem Weg bleiben.


"Ich bin kein Freund von Abschieden,"sagt er. "Ich fürchte mich zwar nicht vor ihnen, und ich gehe ihnen auch nicht aus dem Weg, aber sie gehen mir nicht mehr so nahe. Ich bin kein Freund von Abschieden - aber wer ist das schon? Vielleicht habe ich eine andere Sichtweise auf Abschiede, weil ich mit Abschied groß geworden bin. Jeden Tag so leben als wenn es dein letzter wäre - das ist manchmal sehr schmerzhaft und es prägt ein Kind. Vor allem, wenn es sich nicht um einen lange ausgeklügelten Lebensstil handelt, sondern um eine Regel, die von Tod und Krankheit geschrieben wurde."

Auf der anderen Seite haben Abschiede immer etwas hoffnungsvolles, finde ich. Es geht auch immer um die Zeit, die nach dem Abschied kommt. Um all die Erlebnisse, die noch kommen, um die Geschichten, die man sich erzählen kann, wenn man alt ist. Ich habe nicht viele endgültige Abschiede durchleben müssen, aber von den paar weiß ich im Nachhinein, dass wir dabei zu wenig an die Zukunft denken. Natürlich muss auf Beerdigungen und bei Trennungen immer an die Vergangenheit gedacht werden, weil sie so wichtig ist und das einzige, an das wir uns in diesen Momenten in der Schwebe wirklich festhalten können. Aber vergessen wir nicht, dass nach den Abschieden großartiges wartet? Viele großartige, neue Erlebnisse. Abschied macht nur unglücklich, wenn man krampfhaft versucht, alles bestehende beständig zu machen und es festzuhalten. Uns fällt viel zu selten auf, wie dumm das ist. Wir befinden uns unser ganzes Leben im Wandel, nichts ist von Dauer, nichts währt ewig. Alles beginnt und endet irgendwo auf unserem Weg. Eigentlich sind Abschiede wie dunkle Tore zu helleren Orten, Abschiede sollten viel positiver konnotiert sein. Abschiede sind auf der einen Seite das Ende, aber auf der anderen Seite der Anfang von etwas wundervollem. 



Ich weiß nicht genau, wieso ich das jetzt so viel besser verstehe als früher... aber ich finde, dass die Tatsache, dass das Leben so flüchtig und wandelbar ist, eine wunderbare Wahrheit ist. Ständig neues sehen zu können, weil alles nur kurzfristig besteht im Leben, in unserer Natur. Die Schönheit aller Erlebnisse und Dinge erst dadurch zu verstehen, dass wir sie nicht festhalten können. Wir können den Himmel nicht festhalten, wenn ein Künstler gestorben ist und Gott ihn den Himmel gestalten lässt. Wir können nicht die Schmetterlinge im Bauch und den Geschmack von Glück festhalten. Wir können nichts von all dem festhalten oder speichern, irgendwo abdrucken und in eine Akte einsortieren, die wir immer dann hervorholen, wenn wir traurig sind. 
Und darüber regen sich alle viel zu sehr auf, anstatt es zu feiern. All die Sonnenuntergänge und Umarmungen, alle Abende, die so sehr nach Sommer dufteten, all die Momente, in denen ich verliebt in die Welt war. Die habe ich so sehr versucht auszukosten, dass es mir das Herz wringt, und all diese Momente haben kleine, unmerkbare Spuren hinterlassen. Himmel, die so rosa waren, dass ich keine Worte dafür hatte, konnten meine Kameras nie festhalten, aber mein Herz. Die Vergänglichkeit der Dinge ist eine der großartigsten Elemente unserer Natur. Sie ist ein Geschenk.
Die Begrenzheit unseres Seins ist das kostbarste was wir haben. Wäre nicht alles zeitlich begrenzt, so würden wir den eigentlichen Wert unserer Liebe und unseres Glücks nicht annähernd greifen können. Ein Abschied sollte uns an all das erinnern, was wir miteinander geteilt haben und was wir niemals verlieren werden. Ein Abschied ist die Erinnerung daran, dass wir unser Leben jeden Tag voll auskosten sollten, uns unseres Glücks bewusst sein sollten und immer, immer, immer für den Moment leben sollten. Immer. 
Und ein Abschied ist das Versprechen für alles, was noch kommt. Ein Versprechen, dass es weiter geht. Auch wenn es sich nicht so anfühlt. Das Ende ist der Anfang von etwas großem. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.









Übrigens sind wir am Freitag ein Jahr alt geworden, mein Blog und ich als Bloggerin (hahaha) - auch etwas zum feiern. Ich möchte mich bei allen bedanken, die schon den ersten Blogpost gelesen haben und immernoch dabei sind. Ich wäre nicht ohne euch, das dürft ihr nicht vergessen! Aber auch allen neuen Lesern danke ich für euer Feedback und eure Zeit, eure Anerkennung für meine wirren Gedankengänge sind immer wieder berauschend. Danke euch allen! Ich hoffe wir werden ein wunderbares neues Jahr gemeinsam haben.

Ein Hoch auf uns und auf Abschiede, auf alles das was kommt und was wir gemeinsam geteilt haben. 


Euer Mädchen vom Meer,

Thea




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4 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch zu deinem erfolgreichen Abitur und Abschluss - ja, jedes Ende bedeutet auch einen neuen Anfang. Deine Texte sind noch immer so inspirierend und gut geschrieben, wie damals, als ich deinen Blog entdeckte. Wenn auch alles dem Wandel unterworfen ist, so wäre es doch schade, würde dir diese Art verloren gehen. Ich jedenfalls werde hier weiterlesen und freue mich auch schon auf die nächsten Einträge.
    Grüße, Eric.

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  2. Wunderschöner Post mit sehr schönen Bildern :) Dein Text hat mir Mut gemacht, doch für den 1, Schnitt zu kämpfen. Aktuell ist es "nur" ein guter zweier Schnitt, aber was nicht ist, kann ja noch werden, und vor allem um den anderen zu zeigen dass ich es doch kann!
    Ich danke dir ♥
    Allerliebst Chloé

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  3. Das Abi von 57 Personen War besser als deins, du bist demnach gerade mal Durchschnitt, Mittelmaß, nicht besser als die ganzen anderen randoms, also wieso freust du dich so?
    Noch bist du ein nichts und du hast auch nichts, allenfalls nach 7 Jahren Studium bist du es Wert einen einigermaßen vernünftigen Job anzunehmen, wir sprechen uns dann.
    MfG

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    1. Küsschen an den ersten Hater auf diesem Blog, es ist mir eine Ehre! <3

      Hugs, deine Thea

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