Ich war hier

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 Der Plattenspieler spielt "Ich war hier" von Alin Coen.                                                                   
                                                                                                                              Lloret, den 10.06.2015
 Es regnet Champagner, formt sich auf meiner Haut zu goldenen Perlen. Silbernes Konfetti bleibt in meinem Haar hängen und um meine Füße wabert der staubige Nebel, der nach Husten riecht. Von meinem Brustbein aus entfaltet sich der Bass, macht mir ein warmes, aber auch flaues Gefühl im Bauch und durchsiebt meine Gedanken. Ich befinde mich in einer Parallelwelt. 

Während um mich herum alles explodiert, zerspringt und losschreit, während es Glitzer regnet und die Luft mit milchigen Schwaden durchzogen wird, währenddessen bin ich fast taub und höre nur ein monotones Brummen im Ohr. Ich bin so fernab vom "mir meiner Bewusst sein", dass ich mich dabei ertappe, den Rhythmus surreal präzise und intensiv wahrzunehmen. Ich höre die Musik nicht, ich bin die Musik, der Lautsprecher, die Membran, die die Schallwellen zu etwas bewegenden, etwas emotionalen machen. An diesem Bild ist etwas falsch, ganz gehörig falsch und ich weiß leider ganz genau was das ist. Zuerst einmal ist es die Tatsache, dass ich nicht unter Drogeneinfluss stehe und trotzdem so empfinde. Dass ich dauernd die Deckenbalken fixieren muss, weil ich das Gefühl habe, sonst in eine andere Dimension zu fallen. 
Doch am Ende ist das Schlimmste der zähe Schmerz links unter meinem Brustbein. Der Schmerz, den ich krampfhaft versuche wegzutanzen, gegen ihn anzutanzen. Ich versuche, den Bass durch meinen Torso spülen zu lassen, doch er nimmt den Schmerz nicht fort.


Ich bin seit gestern Abend aus dem schönen Spanien zurück. Ein paar Tage habe ich dort auf unserer Abifahrt verbracht und bin schon mal ein bisschen braun geworden. Jetzt wo ich hier liege, weiß ich gar nicht so richtig, was ich sagen soll. Es war eine gute Erfahrung und ich vermisse jetzt schon den Meerwind auf der Haut. Auf eine traurige Art und Weise habe ich einen Teil des Roten Fadens wieder gefunden, den Sinn hinter allem, den ich vor einem dreiviertel Jahr verloren habe.
Verrückt, mir fällt erst jetzt auf, dass der Moment in dem ich diesen Roten Faden wieder gespürt habe, sogar genau der sein könnte, in dem ich das Bild aus dem Flugzeugfenster gemacht habe. Es war vielleicht die Musik in meinen Ohren und der blaue Himmel. Und zu sehen, wie klein wir doch sind. 
Ich habe gefühlt, wie da wieder ein bunter Herzschlag war. Keiner, der eine bloße Muskelzuckung ist, sondern wie ein Paukenschlag, der eine Ouverture beginnen lässt, ein Herzschlag, der von Adrenalin umspült wird, ein Herzschlag, der wie eine Farbpalette ist, die auf eine weiße Leinwand fällt. Irgendwie war da ein bisschen mehr an mir lebendig und nicht nur am Leben. 
Ich hab keine Ahnung woher diese plötzliche Eingebung kam, aber alles was ich auf diesem kurzen Trip erfahren habe, hat diese bestätigt. 

Alles hat mir gesagt, dass es an der Zeit ist, zu gehen.


Ein bisschen gruselig war das schon, weil ich mir dieses Gefühl immer für den Moment erhofft hatte, in dem ich sterbe. Eine Gewissheit, ein Vertrauen und eine Ruhe, ein Frieden im Herzen. Vielleicht spürt man im Moment einer sogenannten Neugeburt etwas ähnliches, weil es sich ja auch irgendwie gleicht. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, nicht wahr?
Ich habe mich seit viel zu langer Zeit nirgendwo mehr zuhause gefühlt. Das ist im Moment immer noch so, aber ich habe verstanden, dass das davon kommen muss, dass ich so lange auf einer Stelle ausgeharrt bin. Immer die gleichen und selben Menschen, das selbe Zimmer, der selbe Tagesablauf, das gleiche Essen, der selbe Himmel über mir. Und eine kleine Änderung wie eine neue Ernährung oder ein neuer Kleidungsstil oder Reisen hat einfach nicht gereicht. Vielleicht ist es Schicksal, dass hier, was ich mal zuhause genannt habe, nichts mehr klappt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einfach bedeutet, dass ich losziehen muss, in eine andere Welt, um mir mein eigenes Zuhause zu schaffen. Mit mir selbst als Fundament. 
Niemand warnt einen vor dem Schmerz, den man erfahren kann, wenn einem bewusst wird, dass man gehen muss. Niemand kann in Worte fassen, wie sehr es einem das Kreuz bricht, einen zermürbt und zerreißt, in die Fremde zu gehen, und plötzlich ganz alleine auf dem Weg zu stehen. Auf dem Weg, der bis jetzt immer ein gewöhnlicher Bürgersteig am Park war und plötzlich eine Hängebrücke im Urwald um den Machu Picchu herum ist. Auf einmal ist alles so wackelig und unsicher.


Als ich auf dem Weg nach Barcelona enttäuscht und gekränkt "Ich war hier" von Alin Coen gehört habe, und als ich mir über die schöne Bedeutung von Flughäfen klar wurde, verstand ich plötzlich, warum Menschen in Toiletten und an Hochbetten schreiben "Ich war hier". Es ist uns allen nicht immer bewusst, aber eigentlich kommen wir nie an. Wir streben eigentlich immer weiter auf unserem Weg, einem unbekannten Ziel entgegen - genau das ist das Gefühl von einem Sinn im Leben. Wir sind immer auf Reisen und ständig unterwegs, wir bleiben nie stehen. Um ein Standbild, einen Moment auf der Reise festzuhalten. Wir versuchen, alles festzuhalten, das unmögliche möglich zu machen, weil wir Menschen uns unseren stetigen Wandel nicht unbedingt eingestehen können, beziehungsweise ihn etwas eindämmen wollen. Damit wir greifbar bleiben.
Deswegen gibt es Bücher, Fotografien, Gedichte, Lieder, Musik, Postkarten, Tagebücher und und und. Um ein Standbild, einen Moment auf der Reise festzuhalten. Sie sind unsere "Ich war hier"s auf unserem Weg. So können wir uns, falls wir straucheln oder Reisekrank werden, an den Wegweisern, an uns selbst orientieren.






Ich hatte eine ziemlich aufschlussreiche Zeit in Spanien, auch wenn es nur ein paar Tage waren. Ich habe ein paar Dinge erfahren und gespürt, die zwar weh getan haben, aber mir nur gezeigt haben, dass ich doch lebendig bin. Zwar bin ich auf mich allein gestellt, oft alleine mit mir und meinen Gedanken und strauchele viel auf meinem Weg. Aber am Ende bin ich lebendig. 
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier demnächst wieder mehr los sein wird - und ich freue mich schon sehr drauf alles mit euch zu teilen. Ich hoffe ihr genießt schon eure Sommerferien oder seid fleißig am Klausuren schreiben und kostet die Sommertage voll aus. 

Eine Gute Nacht und einen wunderbaren Start in die Woche wünsche ich euch,

 euer Mädchen vom Meer

Die Bilder sind allesamt in Barcelona, Calella und im Luftraum über Europa aufgenommen worden. Barcelona hat wundervolle alte Gebäude und sehr eindrucksvolle Architektur zu bieten, es ist unbedingt eine Reise wert!

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2 Kommentare

  1. was für ein wundervoller, wahrer und grandioser Satz: "Ich bin so fernab vom "mir meiner Bewusst sein", dass ich mich dabei ertappe, den Rhythmus surreal präzise und intensiv wahrzunehmen".

    ich bin seit langem Fan von Deinem Blog und sehr beeindruckt von der Schönheit und Tiefe Deiner Texte, sowie der Introspektive Deiner Persönlichkeit, die Du hier entfaltest.
    Ein wahres Juwel in meinem RSS-Reader, Thea!

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    1. Lieber Ragnar,

      tausend Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich total, dich unter meinen Lesern zu haben! :)
      Ich hoffe dir gefallen auch die weiteren Texte - ich freue mich immer über Rückmeldungen jeglicher Art!

      Hugs, deine Thea

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