Die Sache mit dem Zuhause

21:56


Ich bewege mich viel zu schnell, um elegant aussehen zu können. Hastig schiebe ich mich zwischen den Menschen hindurch und versuche, Blickkontakt zu meiden.  Mich beruhigt das monotone Gefasel in meinem Kopf. Mich beruhigen immer merkwürdige Dinge. Aber noch merkwürdigere Dinge machen mir Angst.
Zum Beispiel Menschen. 
Oh, wie gerne ich jemandem ohne diese Ängste klar machen würde, was das bedeutet. Es ist schier unmöglich. Immer nur merkwürdige Blicke, misstrauisches Lippen zusammenpressen. Das Gefühl, dass sich eine Einkaufsstraße in einen Löwenkäfig verwandeln kann, dass plötzlich jeder Blick wie ein heißes Eisen im kalten Gedankenwasser meines Kopfes zischt und dampft und Trubel verursacht. 
Wenn man das nicht kennt, denke ich, kann man sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt alleine durch eine Stadt zu laufen und einfach nur das Gefühl zu haben, dass einem wilde Tiere in den Nacken springen. 

Ich versuche zu analysieren, welche Blickrichtung die unwahrscheinlichste für einen Blickkontakt ist. Den Blick auf den Betonplatten ruhend, eile ich zielstrebig weiter. Angst ist die stärkste aller Emotionen. Wut und Kränkung kann man verstecken. Bei dem kleinsten Funken Angst kann man es jedem Menschen aus den Augen lesen. Wenn man genauer hinsieht, dann kann man jemand mit Angst so schnell entlarven, dass dem Entlarvten vielleicht selbst noch gar nicht bewusst ist, dass er Angst hat. 
Ich denke zu viel, denke ich. Ich denke viel zu viel.  Dort vorne ist endlich der Buchladen. Buchläden sind wie ruhige Buchten, in denen man Schutz vor Unwetter suchen kann. Buchläden stehen in meinem Empfinden für die schnönste Art und Weise sich der Realität zu entziehen. Bücher. Der Geruch von Papier. 
Das Gefühl nach Hause zu wollen und ein Stück davon durch den Duft von frisch bedrucktem Papier zu bekommen. In Gedanken nach Hause fliegen. 

   Nach Hause.


Das Thema "Zuhause" hat mich früh beschäftigt. Ich habe immer versucht es zu greifen, es zu beschreiben, es festzuhalten. Es ist mir ziemlich lange missglückt. Bis ich verstanden habe, was für mich Zuhause bedeutet, wurde ich (und werde auch heute noch) von den schlimmsten Fragen überhaupt geplagt, wenn man sich ohnehin schon in einer Identitätskrise befindet. "Was bedeutet Zuhause sein?" "Bin ich zuhause?" "Kann man sein Zuhause finden?"
Ich habe mehrmals das Gefühl zuhause zu sein verloren. Was bedeutet, dass ich das unbeschreiblich schöne und geborgene Gefühl vom Zuhausesein schon auf verschiedene Arten und Weisen erleben durfte. Ich habe mich sehr lange nicht mehr zuhause gefühlt, nicht so wie früher. Ich bin zu Beginn dieser Woche nach einem sehr anstrengenden Juni nach Hause gekommen. Vielleicht war es der Moment, in dem ich mit vor Erschöpfung und Schmerz verschwommenen Blick den nassen Asphalt fokussierte, um nicht umzufallen. Vielleicht war es genau dieser Moment, in dem ich zu mir selbst gemurmelt habe: Ich will nach Hause. Und ich wusste sofort, wo das war.


Es ist typisch Mensch, dass wir Gefühle und Erlebnisse materialisieren wollen - im Fall vom "Zuhause" nutzen wir zum Beispiel liebend gerne Menschen oder Orte, die wir dann als sogenanntes "Zuhause" bezeichnen. Noah Gundersen hat gesagt, dass es keine Person und kein Ort ist, sondern ein Gefühl, das man nicht mehr zurück bekommen kann. Ich glaube, dass man das Gefühl wieder zurück bekommen kann - ich habe es schon mehrmals wiedererobert. Das klingt jetzt nach einem aktiven Prozess, aber das muss er nicht sein - der Weg nach Hause. Es kann auch ganz schleichend wieder zurückkommen, das Gefühl zuhause zu sein. 
Ich habe Anfang dieser Woche etwas verstanden. 
Zuhause ist wohl der Ort, an den wir wollen, wenn wir uns einsam und allein fühlen, wenn wir uns verraten oder gekränkt fühlen. Wir wollen in ein sicheres Gebiet. Wir wollen fühlen, dass wir sicher sind. Dass wir geborgen sind. Stellen wir uns vor, dass unsere gesamte Welt zusammenbricht, gibt es etwas, dass wir unbedingt retten wollen. Sei es ein Mensch, eine Kette oder ein Geruch. Manchmal vermisst man bestimmte Dinge lediglich, weil sie einen an das Gefühl zuhause zu sein erinnern. 
Das ist jetzt nichts neues oder revolutionäres, aber ich finde es wichtig, noch ein Auge auf das zu werfen, was das "Zuhause" denn eigentlich ausmacht. Denke ich an alles, was mein Zuhause definiert, fallen mir Gerüche, Rituale und Erinnerungen ein, Menschen natürlich auch, aber hauptsächlich das Gefühl, sicher zu sein. Und ein warmes Gefühl im Bauch. 


Zuhause sein bedeutet Mamas Blumen wachsen zu sehen. Produkte von so viel Liebe und Fürsorge, Schweißarbeit und Kampf den Gartentieren. Zuhause sein bedeutet an meiner Lieblingsrose riechen zu können und wieder den schönsten Geruch zu genießen. Zuhause sein bedeutet auf die Blüte der Pfingstrosen zu warten. Zuhause sein bedeutet für mich das volle Grün der Bäume und Pflanzen im Frühsommer zu sehen. Der holzige, warme und trockene Geruch meines Zimmers und der Geruch von unserem Haus, wenn wir lange im Urlaub waren. An den Ort kommen, wo alles an seinem Platz steht. Dort, wo man sich ganz frei und gewohnt bewegen kann, sich sicher fühlt. Zuhause sein bedeutet auch, die Sorgen vergessen, weil man sich so geborgen und gut bei jemandem fühlt. Zuhause sein. Zuhause fühlen sind Erinnerungen an meine Kindheit. Weil sie noch so nah sind und doch eigentlich noch gar nicht vorbei. Zuhause sein bedeutet sich in ein frisch bezogenes Bett zu legen und das alltägliche Waschmittel zu riechen. Ich fühle mich zuhause, wenn ich die leeren Straßen in unserer kleinen Stadt mutterseelenallein an einem Freitagmorgen um halb fünf durchfahre. Zuhause ist auch das Geräusch vom Wind in den Masten der Segelboote im Yachthafen. Der Geruch von Sonnencreme und warmer, sonnengebadeter Haut. Salz im Haar. Das Geräusch von nackten nassen Füßen auf dem warmen, ausgeblichenen Holz der Stege zwischen den Booten. Zuhause sein bedeutet hinter die Berge sehen zu wollen und hinter den Horizont.


Ich könnte jetzt stundenlang so weiter machen. Zuhause sein, sich zuhause zu fühlen oder sich ein Zuhause zu bauen ist ein jahrelanger Prozess. Wir sind im ständigen Wandel und hören nie auf, unsere Ansprüche, Erwartungen und Wünsche an unsere Erlebnisse anzupassen. Hin und wieder reißt es uns den Boden unter den Füßen weg. Hin und wieder finden wir wieder Boden unter unseren nackten Füßen und können wieder tanzen. 
Ich glaube, dass jeder, der sich nicht zuhause fühlt, darüber nachdenken kann, was ihm gut tut. Wenn wir nicht genau wissen, wohin wir zurückkehren können, wenn die Stürme und Erdbeben auf unseren Wegen durch das Leben das Vorankommen unmöglich machen oder wie vom Weg abkommen, dann können wir immer noch ein kleines Glück und ein bisschen Geborgenheit in wertvollen Erinnerungen oder unserem Lieblingsessen finden. Wir können überall zuhause sein. Und wenn das Wort "Zuhause" zu abstrakt wird... 

Dann wissen wir, dass dort, wo unser Herz für das schlägt, was wir tun, dass dort, wo wir nach Luft schnappen, weil wir so sehr lachen müssen, dass dort, wo wir unsere Sorgen vergessen und ganz wir selbst sein können. Dass dort, genau dort ein Stück Heimat zu finden ist.






Ich bin übrigens sehr stolz euch mitteilen zu dürfen, dass ich meinen lang ersehnten Praktikumsplatz im Ruhrgebiet bekommen habe und im Herbst umziehen werde! Vielleicht erklärt das auch, warum ich so viel über das Thema "Zuhause" nachdenke..
Wir haben übrigens alle zusammen bald etwas zu feiern.. Holt schon mal eure Partyhütchen und die Luftschlangen heraus! Ich sende euch eine feste Umarmung und ganz viel positive Energie mit einem ansteckenden Lachen.

Hugs, share and spread the love! 

Euer Mädchen vom Meer


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2 Kommentare

  1. Dein Blog ist wirklich wunderschön, ich folge dir direkt mal weil ich schon gespannt auf deine nächsten Beiträge bin. Vielleicht hast du ja auch mal Lust bei mir vorbei zu schauen. Ich finde deinen Text wirklich wunderschön, du kannst wunderschön schrieben :)

    Liebe Grüße :)
    http://www.measlychocolate.de

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    1. Liebe Patty,

      vielen Dank für deine lieben Worte, es bedeutet mir immer viel von meinen Lesern zu hören! <3 :) Ich schau direkt mal bei dir vorbei und hoffe, dass dir die folgenden Beiträge genauso gefallen!

      Hugs, Thea

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