Schon schräg

by - 14:09

Auf Spotify läuft: Ganz schön okay, von Kraftklub+Casper

Es ist schon fast merkwürdig hier zu sitzen, vor dem doch so bekannten Bildschirm, so lange ist es her, dass ich euch geschrieben habe. Ehrlich gesagt tut es mir furchtbar leid, aber es ging einfach nicht. Ich hatte sowas wie... na ja. In einem etwas umgedrehten Sinn eine Schreibblockade. Mit der Kreativität und mit der Inspiration ist es manchmal ein hartes Ringen. Meistens fehlen sie. Sogar sehr. 
Und dann, manchmal im Licht einer Laterne, an einem Ruderclub in der kleinen Stadt, irgendwo im nirgendwo, da kommt dann beides plötzlich auf einmal zurück. Manchmal braucht es nur ein Gespräch, nur einen Blick und die Ideen sind wieder da, die Energie und die Kraft zum Schreiben sind wieder zurück und es funktioniert einfach.

Worüber will ich heute also schreiben? 
Irgendwie könnte ich mir vorstellen, dass ihr etwas besonderes erwartet, aber das wird es wohl nicht. Ich bin mit meinen schriftlichen Abiturprüfungen durch und lerne nun mehr oder weniger effektiv für meine mündliche Prüfung in Geschichte. Ich finde die Zeit um das Abitur herum jetzt schon furchtbar nervig. Ernsthaft. Es fehlt die Struktur. Ausschlafen, Müll essen und im Bett rumliegen ist zwar auch mal ganz nett, aber mir fehlt das Ziel hinter dem, was ich tue. Man lebt irgendwie in den Tag hinein. Und das kann ich einfach nicht genießen. Dieses ziellose. Irgendwie ist es, als würde man ins nichts rennen, mit dem Rad ohne Licht in den Nebel fahren, mit verbundenen Augen auf das Meer zurennen - man weiß: Da kommt was, irgendwas wird kommen, aber wann weiß niemand und was ist noch viel unklarer. Es hängt alles in der Luft. Aber nicht schwerelos oder magisch, sondern fahrig und unsicher. Und hinter dem ganzen großen in den Tag hineinleben, hinter den Sorgen, hinter den ganzen Problemen, die eh schon um einen herum geistern, wartet die fette, schwarze Zukunft. 

Vielleicht gibt es welche von euch, die in die Zukunft sehen und denken: YEAH. Meine Zeit. Mein Glück. Mein Sinn. Ich wäre ziemlich neidisch auf jeden, der das denken kann. Während die Zukunft in der Grundschule und in der Mittelstufe echt ganz goldig aussah, wird sie jetzt ziemlich angsteinflößend. Ich bin verdammt nochmal erst siebzehn und soll Entscheidungen treffen, die diese riesige unnahbare Instanz "Zukunft" bändigen sollen, aber das ist so viel einfacher gesagt als getan. 
Ich habe keine Ahnung wo ich hinlaufe und wo ich ankomme und manchmal wird diese zusätzliche Unsicherheit unerträglich. 


Aber manchmal, das muss jetzt auch erwähnt werden, spüre ich, dass es Zeit ist zu gehen. Es fühlt sich hier ein bisschen so an, als hätte ich alle Quests in diesem Level gemeistert und müsste jetzt weiter, aber ich bin noch nicht zum Übergang in das neue Level gelangt. Ich renne permanent in einer Gegend herum, die ich schon kenne, laufe an Gegnern vorbei, die ich längst besiegt habe, und sehe die Orte der verlorenen Kämpfe, der gewonnenen Medaillien und auch die Plätze, wo leblose Körper liegen, die diese Ebene eben nicht überwunden haben. Ab und zu laufe ich auch an Teilen von mir vorbei, die ich auf dem Weg zum Sieg verloren habe. 

Ich stecke hier fest.

Und es ist anders als in irgendeinem Spiel, es ist viel schmerzhafter. Es ist schlimm, die Menschen zu sehen, die einem so viel bedeuten und die man vielleicht nie wieder sieht, wenn man jetzt den entscheidenen Schritt tut. Weg zu gehen. Weit weg. Es ist schrecklich, auf einer super schönen Party inmitten von betrunkenen Freunden zu den allerbesten Liedern zu tanzen, und sich trotzdem mutterseelenallein zu fühlen. Mittendrin und irgendwie doch allein.

Es tut außerdem weh, zu merken, dass etwas in einem drin erwachsen wird. Erwachsen werden ist viel beschissener als man sich das als Grundschülerin jemals hätte ausmalen können. Erwachsen sein war immer so ein großartiger Traum. Aber ich will eigentlich nicht mehr erwachsen werden. Und manchmal denke ich, dass ich diese Leute beneide, die nie erwachsen werden. Denen trotz all dem Verlust, Frust und Verrat das Herz nicht müde oder schwach wird. Die nie die Konsequenzen sehen und pompös und gigantisch scheitern, die gegen Wände rennen, weil sie nicht sehen, dass ihr Weg der Falsche ist. Vielleicht ist es besser, nicht zu sehen, wie die Welt da draußen wirklich ist.



Es zerreißt mich, wenn ich spüre, dass an meinen Füßen die Wurzeln zerren und unter meinen Schulterblättern Flügel wachsen, die mir das Kreuz brechen. Es ist so schlimm mit festen Wurzeln und starken Flügeln im erhabenen Sonnenschein zu stehen und vor Angst nicht losfliegen zu können. 
Weil die Zukunft und die Vergangenheit genauso golden wie brüchig ist und es nur eine Richtung gibt, die trotzdem nicht toll ist. Im Moment leben ist vielleicht das, was einem die Philosophen und Lifestyle-Experten empfehlen, aber es funktioniert nicht. Momente sind so kurz, und dann folgt der nächste, in Wahrheit ist das ganze viel komplexer als es in den ganzen Ratgebern steht.
In Wahrheit ist alleine leben nämlich gar nicht so einfach. Und die Bedeutung, die hinter "auf eigenen Beinen stehen" und "ins Leben gehen" und "loslassen" steckt, ist fernab von dem, was wir eigentlich dahinter erwartet hatten. 
Und Freiheit. Freiheit ist, das hat Sartre vor fast hundert Jahren ziemlich gut auf den Punkt gebracht, ein Fluch, eine Verdammnis, der wir uns nicht entziehen können. Er hat aber auch gesagt, dass wir unserer eigen mächtig sind. Wir haben echt nicht die besten Voraussetzungen, aber wir können das beste draus machen. 
Vielleicht ist das die Quintessenz aus dem Gedankenwirrwarr. 
Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir haben.


Es ist so viel passiert, irgendwie ist das gar nicht mehr greifbar.

Von superfreshen Diagnosen und fantastischen Zukunftsvisionen mit Klinikaufenthalten über Therapien zu Selbsterkenntnis und Akzeptanz. Fragen über Fragen und kaum Antworten. Von Gefühllosigkeit über Abwehrreaktionen gegenüber Menschen zu langsam die Mauern abbauen. Von "Ich weiß nicht mehr wer ich bin," zu "Jetzt weiß ich, wer ich bin." Von "Ich packe das nicht," zu "Ich packe meinen Koffer und nehme mit: meinen schwarzen Hund." 
Und am meisten, am allerallerallerallerwichtigsten war: Von "Ich bin anders." Zu "Ich bin besonders." Weil es einen riesigen Unterschied zwischen diesen beiden Aussagen gibt. Anders zu sein und siebzehn Jahre keine Ahnung zu haben wieso, anders zu sein und sich selbst dafür zu hassen, anders zu sein und sich selbst anzuschotten, anders, kompliziert, merkwürdig, schräg, abgesondert. 
Es ist okay, anders zu sein. Besonders zu sein. 
Und es ist egal, wie man Besonderheit interpretiert: körperliche/geistige Behinderungen,  unsichtbare Behinderungen, psychische Störungen, Sprachfehler, Aufmerksamkeitsstörungen, schiefe Nasen, kleine Augen, große Füße, rote Haare, Brillenträger, Rollstuhlfahrer, besondere Philosophien, chronische Krankheiten, eine große Klappe zu haben, ein stiller Mensch zu sein, all das.
Und halt noch viel mehr. Es ist wichtig, sich selbst zu akzeptieren. Es ist okay, anders zu sein.


Schon schräg, grad ist alles ganz schön okay. 

Obwohl es blöd ist, fast immer alleine mit seinen Gedanken zu sein, obwohl es weh tut, wenn man sich um Menschen bemüht, versucht etwas zuzulassen und sie dann doch in alte Gewohnheiten verfallen. Es ist okay so. Es gibt immer Leute, die dann doch verstehen was man versucht die ganze Zeit in Worte zu fassen (In diesem Sinne: Danke Sarah, ehrlich man).

Ich hab fast vergessen, wie gut das Gefühl ist, wenn man vor einem fertigen Text steht. Ich hoffe ihr seid jetzt nicht zu verwirrt oder geschockt... Und wenn nicht, dann vergesst niemals:

Spread the love and give free hugs,

 Thea

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2 Kommentare

  1. Ich bin gerade so überwältigt von diesem Text. Ich hatte echt tränen in den Augen weil viele Textabschnitte genau meine derzeitige situation beschreiben, auch wenn ich jünger bin als du und nicht vor einer solchen Herausforderung stehe wie du beschreibt es mein Leben , meine Gedanken doch ziemlich gut. Also... Danke das du diesen Text geschrieben hast, das hat mich grad sehr glücklich gemacht und ich fühle mich schon ein bisschen weniger allein :)
    Alles gute für dich und noch einen schönen Abend!
    Jil
    jmrlns.blogspot.de

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